der Großen Wasser

Vergangenes loslassen

Herbstspaziergang am Tankumsee

Es ist schwer Vergangenes loszulassen, zumal wenn die Vergangenheit schön war und man dieses Schöne bewahren möchte. Leben jedoch bedeutet Veränderung. Immer wieder neu werden wir gefordert, uns auf die neuen Umstände einzustellen. Das gelingt nur, wenn wir Altes auch loslassen können, besonders den Schmerz, die Gram, die Wut oder die Verzweiflung über das Unabänderliche. Tun wir es nicht, wird der Rucksack, den wir Tag für Tag schultern müssen, immer größer und schwerer.

Das man die Vergangenheit nicht loslassen kann, bevor man um sie getrauert hat, beschreibt diese Fabel auf eine besondere Weise:

„Es waren einmal zwei Mönche, ein junger Novize und ein älterer Mönch. Zusammen durchwanderten sie das Land. Sie hatten ein Schweigegelöbnis geleistet, dass sie anhielt bis zum Sonnenuntergang zu schweigen. Ein weiteres Gelöbnis ihres Ordens bestand darin, keine Frau zu berühren oder in Kontakt mit ihr zu kommen.

Nun traf es sich, dass die beiden an einen Fluß kamen. Am Ufer des Flusses trafen sie eine Frau, die nicht wusse, wie sie ans andere Ufer gelangen sollte. Ohne lange zu zögern packte der ältere Mönch die Frau und trug sie auf seinem Rücken über den Fluss. Dort setzte er sie ab, verbeugte sich vor ihr und wanderte weiter auf seinem Weg.

Der junge Mönch war empört. Kaum konnte er den Sonnenuntergang abwarten, um den älteren Mönch zur Rede zu stellen.

„Ich habe die Frau auf der anderen Seite des Flusses abgesetzt“, sagte der ältere Mönch. „Du aber trägst sie noch immer!“

Und was sagt uns das? Was man nicht getragen hat, kann man sich nicht von den Schultern laden. Es beschäftigt uns weiter und weiter und weiter. Tragen in diesem Zusammenhang heißt auch trauern. Um Vergangenes loszulassen, will dieser Weg beschritten werden. Trauern bringt einem nicht das Vergangene zurück – das Schöne, das wir so geliebt haben oder das unser Leben so reich gemacht hat – , aber es erlaubt uns, nicht mehr im Alten festzuhängen, sondern frei zu werden für etwas Neues und damit für die Zukunft.

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