der Großen Wasser

Berühren lassen

Seerosen auf dem Tankumsee

Im Rahmen meiner Recherchearbeiten sind einige Texte entstanden, die keinen Einzug in das BuchIm Land der Grossen Wasser“ gefunden haben.

Anna träumt, dass das Thema „Sexualität“ unbedingt mit in ihr Buch hinein gehört.

Doch die „Sexualität“ ist ein weites Feld. Zur Sexualität gehören auch das „Berührt werden“ und das „Sich berühren lassen„.

Berührungen haben einen ausgleichenden Einfluss auf das Gefühlsleben.

Hier der Originaltext aus der Vorabversion.

Sexualität hat auch etwas mit Berührung zu tun. Berührung erfolgt über die Haut. Durch Zärtlichkeit und liebevolle Berührungen spüren wir uns. Berührung befreit uns von Emotionen, sorgt für Vertrauen und vertreibt Ängste.

Nicht umsonst gehören Massagen zu den ältesten und bekanntesten Heilkünsten der Welt. Durch Berührungen werden Spannungen und Blockaden im Körper gelöst. Massage wirkt über die Haut auf das Lymbische System, ein Areal im Gehirn, welches Einfluss auf das Gefühlsleben hat. Deshalb trägt Massage dazu bei, die Selbstregulierung des körperlichen und psychischen Gleichgewichts zu erhalten oder wieder herzustellen.

das Buch "Sanfte Hände" von Frederik LeboyerUnwillkürlich fiel mein Blick auf ein Buch in meinem Bücherregal. Spontan zog ich es zwischen den anderen Büchern hervor. Es hieß „Sanfte Hände“. In diesem Buch beschrieb Frédérick Leboyer die traditionelle Kunst der indischen Baby-Massage. Lange Zeit hatte ich diesem Buch keine Beachtung geschenkt, allein weil ich mit der indischen Tradition nichts anzufangen wusste. Durch seine ihm innewohnende Hartnäckigkeit überstand es nun schon seit mehr als 20 Jahren jede Ausräumaktion. Welch ein Buch!

Dr. Frédérik Leboyer wurde 1918 geboren, war Frauenarzt und Geburtshelfer. Weltbekannt wurde er durch sein Buch und seinen Film über die „Geburt ohne Gewalt“. In Indien erhielt er wesentliche Anregungen für seine Gedanken über Geburt und Mutterschaft. In diesem Buch zeigt Dr. Leboyer wie Shantala, eine junge indische Mutter, ihr Kind liebevoll massiert. Die Texte zu diesen Bildern passen wunderbar zu meinem Thema Berührung. In Indien ist die liebevolle Massage von Säuglingen eine traditionelle Kunst, die von der Mutter an die Tochter weitergegeben wird. Beweggrund dieser Massage ist, den Hunger des eigenen Babys nach Berührung, Wärme und Zärtlichkeit mit sanften Händen zu stillen.

Der Text begann mit der Frage: „Was ist das Leben?“ Leboyer beschreibt, wie das Baby im Mutterleib vieles empfindet und wahrnimmt, sogar träumt und fragt: „Was also beginnt in dem Augenblick, in dem wir geboren werden?“ und kommt zu dem Schluss: „Die Angst“. Er stellt fest, dass die Angst und das Baby zusammen geboren werden und die Angst fortan ein treuer Begleiter des Menschen bleibt. „Sie wird uns nicht mehr loslassen bis wir sie eines Tages mit ins Grab nehmen.“

Dann erzählt er, wie das Kind in den folgenden Tagen vielen Ungeheuern begegnet und meint damit die tausend und abertausenden von Sinneseindrücken der auf das Baby einstürmenden neuen Welt. „Neue unbekannte Eindrücke und Empfindungen. Völlig neu und darum beängstigend, denn ist nicht die Angst das uns Unbekannte?“ fragt er.

Liebevoll geht es weiter: „Wie war das Leben im Mutterleib? War es nicht erfüllt mit Lauten und Geräuschen vom Körper der Mutter und von der Außenwelt? Vor allem aber war es Bewegung. Beständige Bewegung. Angenehm und beruhigend für das kleine Wesen in ihr. Manchmal ist die Mutter still, sie sitzt und liegt, doch selbst wenn sie schläft, bleibt ihr stetes, sicheres Atmen und wiegt den kleinen Reisenden in ihr sanft und beständig. Endloses Fließen von Empfindungen und Bewegungen, ohne Unterlass, Tag und Nacht. Aber jetzt?“

Mit einem Mal verstehe ich, warum geboren werden ein solcher Schock ist. Ich lese:“ Hast du dir schon einmal überlegt, wie sehr unsere fünf Sinne zusammen gehören? Sind sie nicht alle eine Erweiterung der Haut? Sind sie nicht gleichsam die Fühler des Gehirns, die die äußere Welt erspüren und erforschen? Mit jeder Sinnesqualität öffnet sich eine neue Dimension, erweitert sich das Universum, weit und weiter. Wir riechen noch, was längst nicht mehr in Reichweite unserer Hände ist. Das Hören geht noch viel weiter. Und das Sehen. Wenn wir sehen, streicheln wir die Welt mit unseren Augen. Alles aber beginnt mit der Berührung. Die Sprache weiß mehr davon als uns bewusst ist und erinnert uns daran. Sagen wir nicht ‚Ich möchte etwas begreifen’ oder auch ‚Es berührt mich’? Die Berührung ist die Wurzel. Und so sollten wir mit ihr auch umgehen. Wir müssen unsere Babys so nähren, dass sie wirklich satt werden, innen wie außen. Wir müssen zu ihrer Haut sprechen und zu ihren Rücken, denn die hungern und dursten genauso wie der Bauch. Wir müssen sie mit Wärme und Zärtlichkeit genug und über-genug füttern. Denn das brauchen sie, so sehr wie Milch.

Berührt, gestreichelt und massiert werden, das ist Nahrung für das Kind. Nahrung, die genauso wichtig ist, wie Mineralien, Vitamine und Proteine. Nahrung, die Liebe ist.“

Seine Worte bezaubern mich. „Ich auch!“ Ich wollte auch berührt und gestreichelt werden. Warum tun wir uns nur so schwer damit, einander zu berühren. Berührende Zärtlichkeit ist so selten geworden – auch in den Familien. Warum nur fürchten wir uns so sehr davor aneinander zu berühren?


Seine Anleitung zur Massage erinnerte mich an das innige Zusammensein eines  Paares:

„Ihr werdet ein ununterbrochenes Zwiegespräch führen. Natürlich nicht mit Worten. Echte Verständigung, echte Vereinigung geschieht schweigend, wie du weißt. Sprich mit deinen Augen. Sprich mit deinen Händen. Lass alles aus deinem Herzen kommen. Sei hier, lebe jetzt, ganz und gar!

Denn wenn sich deine Gedanken mit anderen Dingen beschäftigen, wird es das Kind (der Partner) sofort merken. Das Ganze wäre rein mechanisch, nicht mehr als eine körperliche Übung. Ohne Tiefe, langweilig und leer.“

Dr. Frédérik Leboyer


Berührung – ich lasse mich ein. Berühre mich. Lass mich dich berühren. Welch ein wunderbarer Gedanke. Wir lassen uns ein. Wir ergänzen uns. Wenn du mich berührst, werde ich geheilt. Sag mir, wo ich dich berühren darf, damit es uns besser geht.

Welch ein weiser Entschluss der Natur, dass sie Mann und Frau hervorgebracht hat, um sich gegenseitig zu berühren.

Jeder Mensch sehnt sich nach Berührung nicht nur die Babys – auch größere Kinder und  Jugendliche – und auch alte Menschen.

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